Mouches volantes im alten Europa (3)

Teil 3: Die Kelten von Floco Tausin

3) Gestirne, Götter, Schlangeneier

Die keltische Kunst zeichnet sich durch einen abstrakten Stil aus, der geometrische Figuren mit Flechtwerk und Knotenmustern verknüpft und teils zu menschen- oder tierähnlichen Gestalten formt (vgl. Davis 2000). Hier sind punktierte oder konzentrische Kreise häufig vorkommende Formen – manchmal vereinzelt, oft aber durch Linien verbunden oder in weiteren Kreisen oder auf Kreuzen zu Gruppen gefasst. In aufwändigeren fortlaufenden Knoten- und Flechtenmustern lassen sie sich als innerster Teil von Spiralumdrehungen erkennen.
2 - Kelt. Kunst und Muenzen
Keltische Kunst und Münzen

Beispiele konzentrischer oder gepunkteter Kreise auf keltischen Kunstgegenständen und Münzen. Von links oben nach rechts unten: Verzierung auf einem Goldgürtel aus einem keltischen Grab in Hallstatt, Österreich, 4.-8. Jh. v. Chr.; Glas-Augen-Perle aus Wiggonholt, Sussex, England, 1. Jh. v. bis 1. Jh. n. Chr.; Augen-Perlen aus Oberfranken, Bayern, Deutschland, ca. 5. Jh. v. Chr.; Vorder- und Rückseite einer keltischen Münze aus dem Rheinland, Deutschland, 50-25 v. Chr. Quellen: lessingimages.com (26.7.16); Smith n/a; numisbids.com (18.8.16).
In der Deutung der keltischen Kunst werden punktierte oder konzentrische Kreise meistens als Sonne oder Sonnenscheibe verstanden. Diese astronomische Deutung wird oft auf punktierte Kreise in der Kunst prähistorischer Kulturen und antiker Zivilisationen angewandt. Doch für diese Zeitepochen lässt sich die Astronomie kaum von kosmologischen und mythologischen Aspekten trennen: Gestirne werden von den Menschen mit bestimmten Gottheiten oder kosmischen Kräften gleichgesetzt, die wiederum in vielfältiger Beziehung mit Naturerscheinungen oder Ereignissen stehen (vgl. z.B. Tausin 2015, 2014, 2011a, 2011b). Wie alle prähistorischen Völker waren die Kelten genaue Beobachter des Himmels und nutzten die Erkenntnisse für Unternehmungen und Vorhersagen. Die keltischen punktierten Kreise könnten also grundsätzlich auch andere Himmelskörper als die Sonne repräsentieren.Auch die Sonnen-, Mond- und Himmelsgötter wie Lugus (Lugh, Lleu), Belenus, Arianrhod, Grannus oder Brigit könnten in ihrer abstrakten Form durch eine Sonnen- oder Sternenscheibe ausgedrückt worden sein (Berresford Ellis 2003; Rankin 1996; Davies 1809).
Eine andere Möglichkeit ist, dass die keltischen punktierten Kreise so genannte Schlangeneier oder Schlangensteine darstellen. Als Schlangenei galten den Kelten Glaskugeln, Glasscheiben oder gelochte glasige Steine, die auf natürliche Weise entstanden sind. Keltische Mythen aus Irland und England zeigen, dass Glas für die Kelten ein besonderes Material gewesen sein musste: Als ein schwer erreichbarer und schwer zu erobernder Ort voller magischer Schätze gilt ein Turm oder eine Festung aus Glas. Doch der walisische Begriff caer wydyr – die „gläserne Umschliessung“ oder „Glasfestung“ – ist auch eine der Bezeichnungen für die Anderswelt (vgl. Davies 1809). Vielleicht wegen dieser Qualität wurden die Schlangeneier von den Druiden hoch geschätzt und für Wahrsagerei, Erfolg in weltlichen Angelegenheiten und Heilung benutzt. Es hiess, sie würden entstehen, wenn Schlangen sich umschlingen und eine Flüssigkeit absondern, die sich zur Kugel formt und verfestigt. Diese Kugel werde durch die Bewegungen der Schlangen in die Luft geschleudert. Derjenige, der ein Schlangenei suchte, musste es in der Luft mit einem Tuch einfangen.
Sowohl in der einen wie der anderen Deutung werden die keltischen punktierten Kreise nicht nur mit Licht oder lichtdurchlässigem Material, mit dem Himmel, mit Himmelskörpern oder der Bewegung durch die Luft, sondern auch mit mythischen und andersweltlichen Aspekten assoziiert. Sie könnten damit einen entoptisch-visionären und schamanischen Ursprung haben und auf das Sehen der doppelmembranigen Kugeln der Leuchtstruktur zurückgehen.

::Der AutorFloco Tausin


::Inhaltsverzeichnis

::Teil 1 – Einleitung
::Teil 2 – Die Kultur der Kelten
::Teil 3 – Gestirne, Götter, Schlangeneier
::Teil 4 – Kurvenlinien und Schlangen
::Teil 5 – Keltische Köpfe
::Teil 6 – Kessel, Räder und Sonnenwagen (1)
::Teil 7 – Kessel, Räder und Sonnenwagen (2)
::Teil 8 – Druiden als Schamanen, Ekstatiker und Seher


::Literatur

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Davis, Courtney (2000): Celtic and Old Norse Designs. Mineola: Dover Publications
Tausin, Floco (2015): „Leuchtende Essenz – Mouches volantes in der alten mesoamerikanischen Kunst“. Ganzheitlich Sehen 1. mouches-volantes.com (2.9.16)
Tausin, Floco (2014): „Mouches-volantes-Strukturen in Nordamerika. Teil 2: Sonnenscheiben und Medizinräder (Kalifornien, Südwesten, Grosse Prärie, Südosten)“. Ganzheitlich Sehen 2. mouches-volantes.com (2.9.16)
Tausin, Floco (2011a): „Schamasch, Ischtar und Igigi. Mouches-volantes-Strukturen im antiken Mesopotamien“. Virtuelles Magazin 2000 60. archiv.vm2000.net (1.9.16)
Tausin, Floco (2011b): „Im Auge des Re. Mouches volantes Strukturen in der Symbolik des antiken Ägyptens“. Virtuelles Magazin 2000 58. vm2000.net (14.2.11)
Berresford Ellis, Peter (2003): A Brief History of the Celts. London: Robinson
Rankin, David (1996): Celts and the Classical World. London/New York: Routledge
Davies, Edward (1809): The Mythology and Rites of the British Druids. London: J. Booth

Datum: Samstag, 5. August 2017 8:00
Themengebiet: Archäologie, FGK, FGK-Blogroll, Geschichte, Infofelder, Naturphänomene, Para-Phänomene, Spirituelles, Tausin Trackback: Trackback-URL
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