Mouches volantes im alten Europa (2)

Die Leuchtstruktur als Grundlage megalithischer Bauwerke
Von Floco Tausin

2. Vorgeschichte
Frühe Menschen der Gattung Homo besiedelten Europa bereits vor 1 Mio. Jahren. Doch Spuren eines vielfältigen kulturellen Lebens gibt es ab 40‘000 v.u.Z mit der Dominanz des Homo sapiens. Es wurden Wohnanlagen gebaut und kontinuierlich bewohnt, Rohmaterialien von weit herangeschafft und gehandelt. Felswände und Steine wurden bemalt oder graviert. Die Herstellung von Schmuck aus Stein, Knochen, Muschelschalen, Elfenbein und Geweih begann. Die frühen Menschen haben nicht nur den Schmuck, sondern auch Werkzeuge, Waffen und Steinfigurinen mit Mustern und Symbolen verziert (Gamble 1994, Mellars 1994). Mit der klimatischen Erwärmung um 10‘000 v. Chr. stieg der Meeresspiegel an, die Wälder breiteten sich aus. Mit den Steppen und Tundren verschwand zunehmend der Lebensraum für die Megafauna. Durch Platzmangel und durch die extensive Jagdtätigkeit des Menschen starben das Wollhaarmammut und andere grosse Säugetiere aus. Die Menschen entwickelten kleinräumigere Jagdstrategien und gingen allmählich zur Sesshaftigkeit über. Die Bevölkerung wuchs, die soziale Organisation der Gemeinschaften wurde komplexer und hierarchischer, die ausgebeuteten Ressourcen zahlreicher und diverser, die ersten Verteidigungsanlagen und Friedhöfe entstanden (Mithen 1994).
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::Bild 1 – Unterschiedlich anforderungsreiche Siedlungsgebiete im Europa der Altsteinzeit. ::Quelle – Gamble 1994.

Punkte, konzentrische oder gepunktete Kreise, Wellen, Zickzacklinien, Gittermuster und Spiralen gehörten neben naturalistischen Darstellungen zum Repertoire der frühen Kunst in ganz Europa (Von Petzinger 2011; vgl. Mithen 1994). Ihre Bedeutung ist in der Forschung umstritten. Vermutet werden magische, zeremonielle und rituelle Funktionen, die Darstellung binärer Strukturen wie männlich und weiblich, jagdbezogene, kalendarische, saisonale oder astronomische Notizen, die Markierung territorialer Grenzen, die Kommunikation der Macht oder des Erfolgs von Clans oder Individuen (Bradley 1997; Mellars 1994). Seit den 1970er Jahren gibt es zudem die Theorie, dass die geometrischen Motive der steinzeitlichen Kunst entoptische Phänomene darstellen. Diese subjektiven Lichterscheinungen seien von Schamanen in veränderten Bewusstseinszuständen gesehen und im Kontext des Zugangs zur Anderswelt gedeutet worden. Wo die Seher oder Schamanen ihre Visionen auf Stein festhielten, konnten sie wiederum die Menschen und die Kunst beeinflussen (Lewis-Williams/Dowson 1988; Dowson/Porr 2001). Die Punkte und Fäden der Leuchtstruktur bzw. die Leuchtstruktur Mouches volantes werden physiologisch zwar nicht als entoptische Phänomene verstanden wie etwa Phosphene oder Formkonstanten. In einem anderen Artikel habe ich jedoch vorgeschlagen, dass es sich bei den Punkten, Kreisfiguren und Fadenstrukturen der steinzeitlichen Felsbilder auch um die Kugeln und Fäden der Leuchtstruktur handelt, und dass diese ebenfalls im Sinne der entoptisch-schamanischen Interpretation begriffen werden können (Tausin 2006a).
Dieselben geometrischen Muster finden sich auch in den anschliessenden prähistorischen Epochen Europas, nämlich der Jung- und Kupfersteinzeit (ab dem 7. Jahrtausend v. Chr.), der Bronzezeit (ab dem 4. Jahrtausend v. Chr.) und der Eisenzeit (ab 10. Jh. v. Chr.). In diesen Jahrtausenden etablierten sich agrarische Gesellschaften in Europa. Das Rad und der Pflug wurden erfunden, Felder bestellt, Lebensmittel gespeichert, Getreide und Tiere domestiziert, Töpferware hergestellt, Metalle wie Kupfer, Bronze, Gold und Eisen verarbeitet (Whittle 1994, Sherratt 1994). Punkte, punktierte und konzentrische Kreise sowie Fäden und Linien erscheinen weiterhin auf Felsbildern (Bradley 1997), auf Artefakten, aber auch als bauwerkliche Strukturen von Siedlungs-, Grab- oder Ritualplätzen, wie etwa die konzentrischen Rondellen und Grubenwerke (vgl. Whittle 1994), aber auch viele der megalithischen Bauwerke.

::Der AutorFloco Tausin


::Inhaltsverzeichnis

::Teil 1 – Einleitung
::Teil 2 – Vorgeschichte
::Teil 3 – Die Bauwerke der Megalithkulturen
::Teil 4 – Steinkreise, Steinkisten, Ganggräber
::Teil 5 – Stonehenge
::Teil 6 – Entoptische Erscheinungen?
::Teil 7 – Vorstellungen der damaligen Erbauer
::Teil 8 – Aspekte der Leuchtstruktur


::Literatur

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Gamble, Clive (1994): „The Peopling of Europe 700,000-40,000 Years before the Present“. The Oxford Illustrated Prehistory of Europe, hrsg. v. Barry Cunliffe. Oxford/New York: Oxford University Press: 5-41

Mellars, Paul (1994): „The Upper Palaeolithic Revolution“. The Oxford Illustrated Prehistory of Europe, hrsg. v. Barry Cunliffe. Oxford/New York: Oxford University Press: 42-78

Mithen, Steven J. (1994): „The Mesolithic Age“. The Oxford Illustrated Prehistory of Europe, hrsg. v. Barry Cunliffe. Oxford/New York: Oxford University Press: 79-135

Von Petzinger, Genevieve (2011): „Geometric Signs. A new understanding“. Bradshaw Foundation. http://www.bradshawfoundation.com/geometric_signs/geometric_signs.php (13.2.12)

Bradley, Richard (1997): Rock Art and the Prehistory of Atlantic Europe. Signing the Land. London: Routledge

Lewis-Williams, J. D; Dowson, T. A. (1988). „The Signs of All Times“. Current Anthropology 29, Nr. 2: 201-245

Dowson, Thomas A.; Porr, Maritn (2001): „Special objects – special creatures: Shamanistic imagery and the Aurignacian art of south-west Germany“. The Archaeology of Shamanism, hg. v. Neil S. Price. London/New York: Routledge: 165-177

Tausin, Floco (2006a): „Mouches volantes und Trance. Ein universelles Phänomen bei erweiterten Bewusstseinszuständen früher und heute“. Jenseits des Irdischen 3

Whittle, Alasdair (1994): „The First Farmers“. The Oxford Illustrated Prehistory of Europe, hrsg. v. Barry Cunliffe. Oxford/New York: Oxford University Press: 135-166

Sherratt, Andrew (1994a): „The Transformation of Early Agrarian Europe: The Later Neolithic and Copper Ages 4500-2500 BC“. The Oxford Illustrated Prehistory of Europe, hrsg. v. Barry Cunliffe. Oxford/New York: Oxford University Press: 167-201

Datum: Donnerstag, 9. Februar 2017 9:00
Themengebiet: Archäologie, FGK, FGK-Blogroll, Geschichte, Infofelder, Spirituelles, Tausin Trackback: Trackback-URL
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