Mouches volantes im alten Europa (7)

Die Leuchtstruktur als Grundlage megalithischer Bauwerke
Von Floco Tausin

7. Vorstellungen der damaligen Erbauer
Generell reflektieren die Megalithbauwerke die Vorstellungen der damaligen Erbauer über Mensch, Welt und Kosmos. Die Grab- und Ritualanlagen erfüllten offenbar ähnliche Funktionen wie in älteren Zeiten die Höhlen und Felswände: Hier fand man Schutz und Stille. Hier konnten durch Malerei und Gravuren Geschichten erzählt und Ereignisse festgehalten werden. Hier wurden Rituale zur Integration von Mensch, Welt und Kosmos abgehalten. Diese könnten durch den Entzug von Sinnesreizen, durch die Akustik (Watson 2001) oder auch durch den Einsatz von psychoaktiven Pflanzen (Rätsch 1998 über Amanita muscaria/Fliegenpilz; Sherratt 1991) veränderte Bewusstseinszustände impliziert haben. Hier wurden auch die Toten zur Ruhe gelegt, und hier glaubte man einen Zugang zur Unter- oder Anderswelt zu finden. Manche Forscherinnen und Forscher verknüpfen diese Vorstellung mit der steinzeitlichen religiösen Ausrichtung auf das Erdhafte, die (weibliche) Fruchtbarkeit und die Muttergottheit. Gräber, Henges und Tempel könnten als Metaphern der Vagina (Öffnung und Gang) und der Gebärmutter (Zentrum) Orte für den Fruchtbarkeits- und Muttergöttinnen-Kult gewesen sein (Gimbutas 1987/2005, 1999).

Zu diesem „dunklen“ oder „erdhaften“ Aspekt der megalithischen Anlagen kommt ein „heller“ oder „himmlischer“: Manche der Anlagen dienten der Himmelsbeobachtung. Sie waren nach Himmelsrichtungen, bestimmten Sternen, Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen ausgerichtet. Hier konnte der Lauf der Gestirne verfolgt, Himmelsphänomene gedeutet und der Zeitpunkt für bestimmte Unternehmungen bestimmt werden (vgl. Taylor 2012; Kelley 2008). Und schliesslich implizierten die megalithischen Strukturen einen „irdisch-weltlichen“ Aspekt, insofern sie in die weitere Geografie eingebettet waren. Sie waren beispielsweise auf andere megalithische Bauwerke, aber auch auf Felsen, Hügel, Wasserfälle, Flüsse oder Seen ausgerichtet, welchen wohl ebenfalls eine kultische oder kosmologische Bedeutung zukam. Auch bewohnte Siedlungen oder Ackerflächen gehörten in das megalithische Netzwerk von Welt und Gegen- oder Unterwelt (vgl. Bradley 1998).

::Der AutorFloco Tausin


::Inhaltsverzeichnis

::Teil 1 – Einleitung
::Teil 2 – Vorgeschichte
::Teil 3 – Die Bauwerke der Megalithkulturen
::Teil 4 – Steinkreise, Steinkisten, Ganggräber
::Teil 5 – Stonehenge
::Teil 6 – Entoptische Erscheinungen?
::Teil 7 – Vorstellungen der damaligen Erbauer
::Teil 8 – Aspekte der Leuchtstruktur


::Literatur

Watson, Aaron (2001): „The sounds of transformation: Acoustics, monuments and ritual in the British Neolithic“. The Archaeology of Shamanism, hg. v. Neil S. Price. London/New York: Routledge: 178-192

Rätsch, Christian (1998): Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. AT Verlag

Sherratt, A. (1991): „Sacred and profane substances: The ritual of narcotics in later Neolithic Europe“. Sacred and profane, hg. v. P. Garwood et al. Oxford: Oxford Committee for Archaeology

Gimbutas, Marija (1987/2005): „Megalithic Religion: Prehistoric Evidence“. Encyclopedia of Religion, hg. v. Mircea Eliade: 5822-5826

Gimbutas, Marija (1999): The living goddesses. Berkeley: University of California Press

Taylor, Ken (2012): Celestial Geometry. Understanding the Astronomical Meanings of Ancient Sites. London: Watkins Publication

Kelley, David H. (2008): „Archaeoastronomy“. Encyclopedia of Archaeology, 3 Bde., hg. v. Deborah M. Pearsall. Academic Press: 451-464

Bradley, Richard (1998): The Significance of Monuments. On the Shaping of Human Experience in Neolithic and Bronze Age Europe. London/New York: Routledge

Datum: Sonntag, 19. Februar 2017 8:00
Themengebiet: Archäologie, FGK, FGK-Blogroll, Geschichte, Infofelder, Spirituelles, Tausin Trackback: Trackback-URL
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